Auf die nächste Sitzung ist der Artikel ''Strategies for Innovation'' von Christine Mcleod zu lesen. Die Sitzung vom 19.4 fällt aus.
Dieses Protokoll ist auch als Postscript-Datei (Was ist das?) und als PDF verfügbar.
Das Protokoll der Sitzung vom 5.4.02 (Word-Dokument) ist auf der Homepage des Seminars verfügbar.
Das Paper zum Referat (Word-Dokument)
Es sind drei verschiedene Schulen der wirtschaftsgeschichtlichen Forschung zu unterscheiden:
Die Klassiker messen dem Staat geringe Bedeutung zu und plädieren für eine Laissez-faire-Politik, aufbauend auf Adam Smith. ''Die beste Wirtschaftspolitik ist keine Wirtschaftspolitik''
Die historische Schule der Nationalökonomie geht davon aus, dass alle Erscheinungen zeit- und raumabhängig sind und es deshalb keine allgemeingültigen Erklärungen geben kann. Orientierung an Max Weber.
Der Property Rights Ansatz macht den institutionellen Wandel für das Wirtschaftswachstum verantwortlich.
Hier sind die Begriffe Merkantilismus und Liberalismus zu erwähnen. Es stellt sich die Frage nach auslösenden Faktoren der industriellen Revolution.
Der Merkantilismus ist (umstrittenerweise) die ''wirtschaftspolitische Komponente des Absolutismus''. Nach vorherrschender Meinung förderte der Merkantilismus das Wirtschaftswachstum nicht (Nullsummenspiel), sondern war primär der Erhaltung des Staatseinkommens gewidmet.
Der Liberalismus wird als ''theoretische Revolution'' bezeichnet, die Idee ist, dass nur grosse, individuelle Handlungsspielräume zum maximalen Wohlstand führen (Laissez-faire). Die Rolle des Staates wird auf die Schaffung der Bedingungen für eine funktionierende Wirtschaft reduziert.
Der Staat kann sowohl in aktiver wie auch passiver Rolle betrachtet werden. In der passiven Rolle ist er für die Schaffung von Rahmenbedingungen zuständig.
Beispiel Ruhrgebiet: Durch denn Rückzug des Staates und eine Privatisierung der Kohleabbau-Branche wurde im verhältnissmässig rückständigen Ruhrgebiet ein massives Wachstum geschaffen (60er Jahre 19.Jh). Die Befreiung von der Kontrolle durch den Staat führte zu einem Zufluss von Kapital und Arbeitern.
Infrastruktur scheint beim Übergang von Binnenmarkt zu interdependenten Märkten eine wichtigere Rolle gespielt zu haben als Vereinheitlichung bzw Abschaffung von Zöllen (D und CH). Es ergibt sich die Frage, ob staatlich veranlasster Infrastruktur-Ausbau als passive Massnahme oder als aktive Förderungsmassname zu verstehen ist? Daraus abzuleiten ist die Frage nach der Intention des Staates. Die verbreitete Meinung ist, dass der wirtschaftliche Erfolg der staatlichen Massnahmen ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt darstellt.
Frage: Laut Referat kann der Staat ohne Absicht sehr aktiv sein. Warum ist dann die Intention des Staates ein zentraler Aspekt? Gibt es Beispiele für einen aktiven Staat ohne Absichten?
Was heisst ''ohne Absicht''? Wie kann der Staat ohne Absicht aktiv werden?
Beispiel Eisenbahnbau: Der Staat will militärisch auf dem neuesten Stand bleiben. Die Verbesserung der Infrastruktur für die Allgemeinheit und die positiven Auswirkungen auf die Wirtschaft sind Nebeneffekte.
Achtung: Der Staat sollte nicht personifiziert werden. Es gibt eine Vielzahl von Bereichen staatlichen Handelns, mit jeweils unterschiedlichen Akteuren, welche nicht dieselben Interessen verfolgen müssen.
Wie sollte die aktive und passive Rolle des Staates abgegrenzt werden? Über die Intentionen der staatlichen Akteure? Diese scheinen nur schwer greifbar zu sein. Handelt es sich bei dieser Rollen-Einteilung überhaupt um einen nützlichen Zugang?
Ein Bereich des Staates ist einfach operationalisierbar: Der Finanzbereich. Wenn der Staat etwas finanziert, dann handelt er, und zeigt entsprechendes Interesse.
Um mit dem Konzept ''Staat'' arbeiten zu können, sollte man vielleicht nach den Akteuren fragen: Eliten, Unternehmer, Beamte, etc. Wie organisiert sich eine Gesellschaft in einem Gemeinwohl, wie können Unternehmer in dieser Gesellschaft ihre Interessen fördern?
Sozialer Aspekt: Kam es im Ruhrgebiet zu einer Verbesserung der sozialen Umstände nicht durch staatliche Massnahmen, sondern von Seiten der Unternehmer (als Anreiz, um in der arbeitsintensiven Kohlebranche Arbeiter zu finden)?
Im Gegenteil: Durch die legislativen Neuerungen wurde der Bergarbeiter-Stand abgewertet, der Bergarbeiter zur gewöhnlichen Arbeitskraft (Lohnarbeiter), die wie in anderen Bereichen angelernt wurde. Durch den Übergang zum freien Lohnarbeiter-System standen also mehr Arbeitskräfte zur Verfügung, es konnte mehr Druck auf sie ausgeübt werden (Hire & Fire - Politik). Es kann somit eine allgemeine Verschlechterung der sozialen Umstände festgestellt werden; erst im 20. Jh. kam es durch zusätzliche, staatliche Regelungen wieder zu Verbesserungen.
Bodenschätze gehören dem Staat, es herrscht also ein staatliches Bergbau-Regal vor. Durch die Neuerungen wurde dieses Regal geschwächt, private Unternehmer übernamhmen die Aufgaben der staatlichen Beamten (Abbau von Rohstoffen auf der Basis von vom Staat erteilten Lizenzen). Dadurch Gewinnmaximierung, Wirtschaftswachstum.
Frage: Warum war der staatliche Abbau im Ruhrgebiet nicht an Gewinnmaximierung interessiert?
Systemtheorie: Die Handlungen eines Staates sind reflexiv, d.h. staatliche Akteure wollen sich selbst und damit ''den Staat'' erhalten. Wachstum wird als etwas Negatives gesehen. Es wird mit Wirtschaftskrisen und Versorgungsengpässen in Verbindung gebracht. Es herrscht die Auffassung eines Nullsummenspiels vor; die Idee der Wertschaffung wird erst gerade entwickelt.
Einstiegsfrage: In welchem Zusammenhang steht North zum Thema Industrialisierung, die er als nebensächlich abtut? Was will North mit seinem Ansatz überhaupt erklären?
Antwort: Das Wachstum (langfristiges Pro-Kopf-Wachstum in der Wirtschaft). Also die Frage, wie es zum ''europäischen Sonderweg'' kam.
Es handelt sich um einen zeit- und kulturübergreifenden Erklärungsversuch.
North erweitert die bisherige Diskussion über Eigentum und Eigentumsrechte um Arbeit und Verfügungsrechte. Im alten System sind Verfügungsrechte beschränkt. Während bisherige Diskussionen und Ansätze vom Eigentumsrecht auf Boden ausgingen, konzentriert North sich auf Verfügungsrechte auf Arbeit.
Dabei spielt das Verhältnis der Faktoren Arbeit und Land eine zentrale Rolle.
Englische Landwirtschaft: Pachtsystem, Pacht ist langfristig angelegt und Pächter ist am Umsatz beteiligt. Bewirtschaftet wird das Land von Lohnarbeitern. D.h. der Pächter ist an Innovationen und Umsatzsteigerung interessiert.
Nordelbische Landwirtschaft: Schollengebundene; die Bauern sind an ein Stück Land gebunden und zahlen für dessen Nutzung in Arbeit, die sie auf dem Gut des Gutsherren leisten müssen. Es ergibt sich das Problem des Schlendrians (Bauern sind nicht motiviert, können nicht zu besseren Leistungen angetrieben werden)
Durch den Übergang zur Lohnarbeit kann die Produktivität der Arbeiter gesteigert werden (wieder Hire & Fire). Allerdings stärkt dieser Übergang in Zeiten des Arbeitermangels auch die Position der Lohnarbeiter, die dann teilweise an der Abschöpfung des Mehrwerts beteiligt werden müssen. Dynamik Arbeitnehmer-Arbeitgeber.
In Kürze: Übergang zur Lohnarbeit ohne Sozialgesetzgebung zur besseren Kontrolle und Nutzung der Verfügungsrechte.
Ist der P.R.-Ansatz vielleicht nur eine zu Amerika-zentrierte Betrachtungsweise der europäischen Umstände?
Nein, eher nicht, da der Ansatz ja exakt auf überkulturelle Gültigkeit ausgelegt ist. Trotzdem sind die USA ein interessantes Beispiel, da der Property Rights Ansatz hier Erklärungen liefern kann, inklusive Sklaverei im Süden, wo Lohnarbeit auf Plantagen nicht funktionierte.
Sind wirklich alle Menschen mit dem ''homo oeconomicus''-Modell erklärbar? Das Menschenbild North's kritisiert auch Wischermann.
North's Verteidigung: Es handelt sich um eine Theorie, welche eine komplexe Wirklichkeit vereinfachen soll.
Wischermann's Gegenposition: Der Ordo-Liberalismus. Dabei wird es zum Auftrag des Staates, innerhalb der Rahmenbedingungen - dabei sind sozial- und umweltpolitische Einschränkungen von grosser Bedeutung - die Bedingungen für gesunden Wettbewerb herzustellen.
Europa's Krisenerfahrung hat zu - staatliche durchgesetzten - normativen Rahmenbedingungen geführt. In den USA, welche keine massiven Versorgungsengpässe und Knappheitserfahrungen kennen, sind keine so ausgeprägten normativen Regelungsprozesse festzustellen.
Die Diskussion wurde aus Zeitmangel abgebrochen.
Der Protokollführer
Pascal Schuppli
Worb, 12.04.2002